Legal Technology in Europa

Legal Technology in Europa

Quo vadis?

Es ist fast unfassbar, dass es in den USA schon seit 1980 einen Legal Tech Verband gibt. Erinnern Sie sich, auf welchem Stand Ihre eigene technische Entwicklung war? Schätzungsweise haben Sie Ihre Briefe noch mit einer richtigen Schreibmaschine verfasst. Auch wenn die Legal Tech Szene in den USA erst um die Jahrtausendwende richtig in Gang gekommen ist, ist es doch bemerkenswert wie futuristisch die amerikanische Juristenszene schon zum damaligen Zeitpunkt auftrat.

Dass die USA in den meisten Bereichen eine Spitzenreiterrolle einnimmt, ist bekannt. Trotzdem ist es erstaunlich, dass die Entwicklung im Legal Tech Bereich in Europa so beträchtlich hinterherhinkt. Erst jetzt, ganze 36 Jahre später, hat sich in Europa ein Branchenverband im Legal Tech Bereich formiert. Die `European Legal Technology Association` (ELTA) soll als Vernetzungsplattform und Sprachrohr der Branche dienen und in der Zukunft auch Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten vorantreiben. Ein begrüßenswerter Schritt, der längst überfällig war.

Aber welche Ursachen hat der schleppende Fortschritt in Europa? Auf welchem Stand befindet sich die europäische Legal Tech Szene? Und wohin geht die Reise? Quo vadis, Legal Tech Europa?

Weshalb ist der Legal Tech Boom aus den USA nicht schon früher nach Europa geschwappt? Normalerweise werden gute Konzepte aus Übersee nach kurzer Zeit exportiert oder zumindest imitiert. Weshalb nicht in der Juristerei? Während es in den USA in den letzten Jahren geradezu eine Explosion an neuen Ideen und Konzepten gab, erwacht Europa erst allmählich aus dem Dornröschenschlaf.

Das liegt wohl zum einen an der Tatsache, dass sich die Gesetzgebung allgemein auf ein begrenztes Gebiet beschränkt. Im Gegensatz zu anderen Branchen ist es deshalb im Rechtsbereich eher unwahrscheinlich, dass sich Unternehmen internationalisieren, denn die Rechtsprechung ist eine staatliche Angelegenheit. In Europa herrscht zudem vorrangig kodifiziertes Recht, während die Gesetzgebung in den USA auf Präzedenzfällen aufbaut. Dadurch ergeben sich grundverschiedene Voraussetzungen, die dementsprechende Antworten verlangen. Dementsprechend sind Geschäftsideen im Legal Tech Zweig zunächst einmal weniger lohnend, weil nur bedingt skalierbar. Software besteht aus Algorithmen, die für jedes System neu programmiert oder eingegeben werden muss. Während es in anderen Bereichen nur ein Katzensprung von einem lokalen in den globalen Markt ist, muss sich eine Legal Tech Lösung zunächst einmal im eigenen Land beweisen bevor andere Märkte erschlossen werden können.

Auch der Bedarf ist in den USA ein anderer. Durch die Komplexität der Rechtsprechung in den unterschiedlichen Staaten sehen sich Bürger aber auch Anwälte einem massiven Berg an bundesstaatlicher Legislative gegenüber. Diese Tatsache führte dazu, dass Software-Lösungen, wie beispielsweise Analyse-Tools, einen viel größeren Stellenwert besitzen. Europäische Gesetze sind natürlich kompliziert, jedoch können auch Laien im Notfall ein Gesetzbuch aufschlagen oder zumindest auf Online-Foren relativ zuverlässige Ratschläge erhalten. Deshalb ist die Dringlichkeit von Legal Tech Lösungen in Europa nicht ganz so gegeben wie dies in den USA der Fall ist.

Summa Summarum sind wohl mehrere Faktoren für das langsame in Bewegung kommen der europäischen Legal Tech Branche verantwortlich. Ein reines Nachahmen der US-amerikanischen Trends lohnte sich bisher nicht für europäische Start-Ups. Und bislang scheint es so, dass es in den letzten Jahren an eigenen Ideen mangelte.

Einmal abgesehen von der Tatsache, dass Europa in Sachen Legal Tech den USA etwas hinterherhinkt, wie sieht die Situation auf dem Legal Tech Markt in Europa derzeit aus? Als wohl fortschrittlichstes Land kann Großbritannien bezeichnet werden, mit seinen engen Beziehungen an die nordamerikanische Entwicklung und deren Trends. Zudem regiert auch hier das Common Law. Kein Wunder also, dass England viele Entwicklungen aus den Staaten übernommen hat, bzw. amerikanische Unternehmen den Markt gleich miterobert haben. Das liegt auch nicht zuletzt an der gemeinsamen Sprache.

Überraschenderweise ist es in Europa zudem Frankreich gelungen, zum Vorreiter der Legal Tech Szene zu werden. Geschuldet der Tatsache, dass die Verbraucher in Frankreich nicht immer ausreichenden Zugang zu juristischen Leistungen haben, sei es aus Mangel an Kenntnis oder Geld, haben mehrere Start-Ups angefangen, den Markt aufzumischen. Nach einer Welle an Angeboten, die sich auf kleine Rechtstreitigkeiten spezialisierten, folgte eine weitere mit Lösungen, die für Sammelklagen gedacht sind. Beide Systeme bieten die Lösung von Fällen auf außergerichtlicher Ebene mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (AI). Aber auch in anderen Bereichen scheint es zu brodeln mit Anbietern im B2B Bereich, die sich unter anderem auf Datenbanken und Fallstudien konzentrieren.

Gut ist, dass die Vorreiterrolle Frankreichs höchstwahrscheinlich zu einem Nachzug in anderen europäischen Ländern führen wird, ganz im Sinne von „Wer es im veränderungsresistenten Frankreich schafft, schafft es überall“. Das weckt Hoffnung für die europäische Legal Tech Branche. Was Verbraucherrechte angeht, hat Europa außerdem den Vorteil einer gemeinsamen Legislative, die staatenübergreifende Handhabungen möglich machen. Hier liegt die Chance begraben, Anwendungen zu schaffen, die sich außerhalb der staatlichen Legislative bewegen und einen größeren Markt ansprechen. Immerhin kann Europa als Ganzes gut mit den USA mithalten, was die Wirtschaftskraft anbelangt.

Erst im letzten Jahr haben es mehrere Legal Tech Start-Ups sogar in die Laien-Presse geschafft. Mit Konzepten wie Rückerstattung von Kosten bei Flug- oder Zugverspätung konnte eine recht große Zielgruppe angesprochen werden: Die europäischen Verbraucher.

Die Macht der Konsumenten!

Für den Verbraucher haben Legal Tech Lösungen einen entscheidenden Vorteil: Die Leistungen sind transparenter und überschaubar. Fixe Preissetzung verhindert Unsicherheiten in Bezug auf anstehende Kosten. So können auch Menschen mit geringerem Einkommen besser beurteilen, ob ein Verfahren für sie in Frage kommt. Und anstelle von verspäteten Rückrufen und knappen Antworten, erhalten sie einen einheitlichen Service, der -durch den Stellenwert von Bewertungsportalen- mit normalen Anwaltskanzleien mehr als mithalten kann. In manchen Fällen wissen Verbraucher außerdem gar nicht, dass sie beispielsweise Anspruch auf Kostenrückerstattung haben oder Widerspruch einlegen können. Sobald sich das ändert, werden Konsumenten auch in anderen Bereichen ähnliche Konzepte einfordern.

Aber nicht nur Verbraucher profitieren von Legal Tech. Kanzleien, die sich dem digitalen Wandel anschließen sind wettbewerbsfähiger, da auch sie kostenminimierende Anwendungen nutzen können.

Zudem verändert sich die Qualität der Leistungen. Durch Vertragsgeneratoren können Anwälte mittlerweile einzelne Vertrags-Bausteine individuell zusammensetzen. Rechtliche Änderungen können sie so mit einem Mausklick ins System einspeisen und bestehende Vertragsklauseln einfach abändern bzw. neue hinzufügen. Vertragserstellung und –verwaltung erfahren dadurch eine Vereinfachung, die von enormen Vorteil ist. Kostensparend sowohl für die Kanzlei als auch für deren Mandanten. Und die Entwicklung steht noch ganz am Anfang.

Wer sich nicht anpasst wird nicht mithalten können

Mit dem Einzug von Anwendungen für den Endverbraucher werden auch Unternehmen über kurz oder lang entsprechend reagieren, denn auch diese sind daran interessiert, möglichst effizient zu wirtschaften. Das, wie bisher, nur eine geringe Anzahl an Forderungen bei beispielsweise Flugpreiserstattungen eintrudelt, wird bald der Vergangenheit angehören.

Mit der Weiterentwicklung von hochintelligenten Computern können in der Zukunft z.B. Widerspruchsverfahren rein von Maschinen erledigt werden, ohne dass überhaupt eine Antragsstellung nötig ist. So kann bei einer Zugverspätung ein automatisches Verfahren in Gang gesetzt werden, dass auf Seiten der Bahn sowie dem Kunden prüft, ob Anspruch auf Entschädigung besteht. Treibender Motor hinter allem wird im Endeffekt die Wettbewerbsfähigkeit sein. Durch den Einsatz neuer Technologien werden Firmen, die sich diesem Wandel wiedersetzen, nicht bestehen können. Die Kosten so zu senken, dass mit softwaregestützten Anwendungen mitgehalten werden kann, ist unmöglich.

Wer sich diesem Fortschritt auf Dauer entgegensetzt, wird verspeist. Je mehr sich Kanzleien gegen diese Entwicklung sträuben, desto mehr Anbieter von alternativen Lösungen werden aus dem Boden sprießen. Denn Verbraucher werden über kurz oder lang die neuen Möglichkeiten wahrnehmen und auch in anderen Rechtsbereichen ähnliche Angebote einfordern, was einen enormen Bedarf, ergo Marktmöglichkeiten für Start-Ups bildet. Schaffen es Kanzleien jedoch, sich anzupassen und Legal Tech für sich zu nutzen, werden sie den Wandel antreiben und nicht von diesem getrieben werden. Und das gilt für Europa genauso wie für die USA.

Prognosen für die Zukunft sind unbeständig wie das Wetter. Allerdings gibt es Entwicklungen, die Tendenzen erahnen lassen.

Der Legal Tech Markt in Europa ist noch jung und birgt unendlich viel Potenzial. Anwaltskanzleien spüren schon heute den Reformdruck und werden sich diesem nicht lange entgegensetzen können. Dazu sind die Versprechen zu groß, die Legal Tech offeriert: Eine Einsparung von Kosten und Zeit, mit gleichbleibender Qualität der Leistungen und größtmöglichem Service. Wer jetzt mitzieht, wird zu den Gewinnern zählen und traditionelle Betriebe mit Meilenschritten überholen.

Innovative Start-Ups im Legal Tech Bereich finden deswegen ideale Voraussetzungen. Um die Start-Up Szene anzufeuern, haben sich vor kurzem zwei wichtige Unternehmen zusammengeschlossen. Nextlaw Labs, eine Legal Tech Innovationsplattform und die in London ansässige Finanzierungsplattform Seedcamp. Ein Ziel der Kooperation ist es, den Legal Tech Markt in Europa anzukurbeln. Junge Unternehmen sollen, neben finanzieller Förderung, auch intensive Beratung erhalten. Diese Initiative wird zweifelsohne in der nahen Zukunft eine Reihe spannender neuer Start-Ups rund um Legal Tech in Europa entstehen lassen.

Damit ist wohl eine Prognose mit Haltbarkeitsdatum für die nächsten Jahre möglich:
Ein Zurückrudern wird es auf keinen Fall mehr geben. Die Legal Tech Branche ist weltweit in Bewegung geraten, so auch in Europa. Und wie in allen Branchen wird es letztendlich die Wirtschaftlichkeit sein, die den digitalen Wandel in der Rechtsbranche antreibt. Sobald sich Verbraucher an die neuen Möglichkeiten gewöhnen, die Legal Tech Anwendungen bieten, wird der Bedarf immens steigen. Finanzielle Anreize, eine bessere Vernetzung und die Durchdringung von Wissenschaft und Forschung wird dafür sorgen, dass Legal Tech in Europa in einigen Jahren genauso selbstverständlich sein wird, wie die Nutzung von Smartphones.

Begrüßenswert also, dass sich ein Branchenverband auf die Fahne schreibt, in Zukunft für mehr Austausch und Nachwuchsförderung zu sorgen und damit einen entscheidenden Anreiz für die Legal Tech Branche in Europa zu schaffen.

Autor  

Dr. rer. pol. Christopher B. Prüfer

Dr. Christopher Prüfer

Scheidungsexperte, internationaler Jurist und Gründer von Scheidung.de

iurFRIEND® AG Legal Technology in Europa
Es ist fast unfassbar, dass es in den USA schon seit 1980 einen Legal Tech Verband  gibt.