Legal Technology in Deutschland

Legal Technology in Deutschland

iurFRIEND® AG - Düsseldorf - Freitag, 13. Januar 2017 //  

Entwicklungen und Trends

Man sollte Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Und eine Wassermelone nicht mit einer Rosine. Deshalb ist es auch nicht fair, Legal Tech in Deutschland mit den USA in Verbindung zu bringen. Zumindest nicht, was die Anzahl an Start-Ups anbelangt, die in den beiden Staaten in den letzten Jahren gegründet wurden. Daher an dieser Stelle ein Lob: Legal Tech in Deutschland schreitet voran. Mit einigen Startschwierigkeiten, aber immerhin. Im folgenden Artikel soll der Fokus auf der Zukunft von Legal Tech in Deutschland liegen. Neben einem kurzen Rückblick und Ausblick, soll es um die Triebfedern des Wandels, um die bereits in Gang gesetzten Veränderungen und darum gehen, wie sich Kanzleien auf die Veränderungen durch Legal Tech in Deutschland vorbereiten können.

Rückblick, Ausblick. Eine Bilanz 2016

Ein kleiner Rückblick ins Jahr 2016 lässt einen Einblick in die Legal Tech Branche Deutschlands zu. Zunächst sei bemerkt, dass auch Deutschland endlich erwacht ist. Immer mehr Start-Ups widmen sich dem Legal Tech Bereich und suchen Lösungen für Kanzleien und Mandanten. Berlin, das Silicon Valley Deutschlands, geht der Entwicklung voran. Hier wurde zuletzt auch ein Verein gegründet (ELTA), der europaweit für Vernetzung im Legal Tech Bereich sorgen soll. Äußerst begrüßenswert.

Aber nicht alle freuen sich über den digitalen Wandel. Es gibt auch Kritiker hierzulande, die nicht zu Unrecht auf Schwächen im System hinweisen. So zum Beispiel beim neuen elektronischen Postfach, das eigentlich schon 2016 an den Start gehen sollte, aufgrund zweier Klagen jedoch zunächst auf Eis gelegt wurde. In einem zweiten Anlauf gelang es nun, das Mail-System in Betrieb zu nehmen. Aktenberge und Einschreiben sollten ab nun der Vergangenheit angehören. Doch dann eine neue Schreckensnachricht: Die Schnittstellen sind noch nicht verfügbar, die Software ist nicht kompatibel. Also wieder zurück auf null.

Was können wir daraus schließen? Es geht voran und dann wieder zurück? Fairness halber sei gesagt, dass es nicht nur im Legal Tech Bereich immer wieder zu Anfangsschwierigkeiten kommt. Gerade was den Datenschutz und die Integration verschiedener Systeme untereinander angeht. Doch Schwierigkeiten einmal beiseite: Die Start-Ups hierzulande stehen in den Startlöchern. Manche laufen auch schon wegweisend voran.

Auch wenn Deutschland, im Vergleich zu den USA, recht langsam startet, entwickelt sich in der Legal Tech Branche doch so einiges. Allen voran ist der Bereich Ausgleichszahlung bei Flugverspätungen. 2013 hat der Europäische Gerichtshof die Verbraucherrechte gestärkt und geurteilt, dass Flugverspätungen ab 3 Stunden mit bis zu 600 € entschädigt werden müssen. Die Antragstellung ist jedoch mühselig, da sich Fluggesellschaften quer stellen und die Verfahren verlangsamen. So kann sich eine Rückerstattung bis zu einem Jahr hinziehen. Diesen Zustand haben sich einige Start-Ups zu Nutze gemacht und eine Anwendung geschaffen, die das Verfahren übernimmt. Fluggäste müssen demnach nur noch Ihr Ticket hochladen. Den Rest erledigen die Start-Ups, bzw. spezialisierte Anwälte. Eine Win-Win Situation für beide Seiten. Die Verbraucher erhalten in den meisten Fällen unkompliziert einen Teil ihres Geldes wieder, die Start-Ups im Gegenzug einen Prozentsatz der Entschädigung.

Doch auch in anderen Gebieten schreiten Start-Ups voran. Plattformen, die bestimmte Angebote für Mandanten bereitstellen, sind ebenfalls im Kommen. Marketplaces vermitteln im Stil der UberApp Mandanten mit Anwälten. Preise und Vorgänge sind dabei festgeschrieben, so dass Unsicherheiten für den Kunden von Anfang an eliminiert werden.

Und nicht nur kennenlernen, sogar eine Scheidung ist mittlerweile online möglich! Ein Service, der nicht nur Zeit, sondern auch Kosten spart, wenn das Liebesglück doch nicht so endet, wie man sich das vorgestellt hat.

Wie man sieht, wird an allen Ecken und Enden geschraubt und gebastelt. Doch welche Kräfte stecken hinter dieser angeschobenen Entwicklung?

Welche Faktoren bedingen einen Wandel?

Einmal in Gang gesetzt, macht die Veränderung nicht Halt. Das ist auch in der Rechtsbranche so. Eine Zukunftsstudie des Deutschen Anwaltsvereins (2013) nennt zwei wesentliche Punkte, die über Wettbewerbsfähigkeit von Kanzleien entscheiden: Spezialisierung auf ein Kernthema und technischer Fortschritt.

In Deutschland gibt es derzeit rund 163772 zugelassene Anwälte. Diese stehen kritischeren Mandanten und einer wachsenden Forderung nach Effizienz gegenüber. Wie in anderen Bereichen gilt auch hier: Mandanten vergleichen Preise und Leistungen, und entscheiden sich für das günstigste Angebot. Lösungen wie legalbase.de haben diesen Trend aufgegriffen. Transparente Preissetzung und eine Übersicht über die Leistungen geben den Kunden Sicherheit, die normale Anwaltskanzleien so nicht bieten.

Eine weitere entscheidende Triebfeder ist der Nachwuchs. Die so genannten Digital Natives sind es gewohnt, mit Software das Leben zu vereinfachen. Stundenlanges Aktenwälzen gehört nicht zu deren Leidenschaft. Sie begeistern sich vielmehr für einfache und effiziente Lösungen und sind Neuem gegenüber offen. Zudem hat sich in den letzten Jahren auch die Einstellung zur Arbeit verändert. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Work-Life-Balance und Home-Office sind zentrale Begriffe der nachfolgenden Generation. Software macht ortsunabhängige Bearbeitung von Fällen, online Projekt-Management und Kommunikation möglich. Gute Absolventen werden dies in Zukunft einfordern und bei der Auswahl ihres zukünftigen Arbeitsplatzes gezielt darauf achten, wie digital und fortschrittlich eine Kanzlei ist.

Letztendlich werden auch besonders veränderungsresistente Kanzleien einsehen, dass ein Mithalten im Legal Tech Bereich nur Vorteile birgt. Neben der Kostenersparnis werden Prozesse vereinfacht, Zeit eingespart und auch Fehler vermieden, die durch menschliches Versagen entstehen. Anstatt stundenlang über Aktenbergen zu sitzen, können sich Anwälte in Zukunft anderen Dingen widmen, weil es Maschinen sind, die Dokumente in Windeseile nach bestimmten Schlagwörtern oder Ungereimtheiten überprüfen können.

In welchen Bereichen wird es Veränderung geben?

Legal Tech in Deutschland wird die Rechtsbranche umkrempeln. Innerhalb der Kanzleien werden Anwendungen in Zukunft für mehr Überblick, Beteiligung und Effizienz sorgen. So können mit Projektmanagement-Tools, wie beispielsweise Legal Kanban Boards, Fälle transparent dargestellt und der Work-Flow sichtbar werden. Wer, wann und mit welchem Stand an einem Fall arbeitet und welche Aufgaben noch zu erledigen sind, können alle Mitarbeiter einsehen. Von der Chefetage bis zum Praktikanten. Das ermöglicht wiederum flache Hierarchien, was wiederum für nachkommende Anwalts-Generationen ein wichtiger Faktor sein wird.

Da Recht an sich, durch die inhärente Struktur, gut zu digitalisieren ist, wird es auch in Zukunft, immer mehr Apps und Seiten geben, die sich diese Tatsache zunutze machen. Die dadurch entstehende Kosten- und Zeitersparnis kann nun in andere Bereiche, zum Beispiel in die Beratung von Mandanten investiert werden.

Weiteres wichtiges Tool sind Vertragsgeneratoren, die Verträge unter Einbeziehung wichtiger Gesichtspunkte erstellen und automatisiert aktualisieren.

Nicht zuletzt sollten ‚smart contracts‘ erwähnt werden. Software, deren Code bereits rechtsgültige Verträge enthält, wird in der Zukunft dafür sorgen, dass Prozesse vereinfacht und bei Konflikten wesentlich einfacher nachzuvollziehen sind.

Für den Verbraucher wird Legal Tech in Deutschland ganz andere Vorteile mit sich bringen. Eine umfassendere Zugänglichkeit zu Rechtsthemen, als auch größere Transparenz beispielsweise bei den Kosten entsteht durch den digitalen Fortschritt. Standardisierte Verfahren, wie im Bereich von Rückerstattungen oder Formularen wie Patientenverfügung und Testament, schaffen in Zukunft viele Bereiche, die kostengünstiger und praktischer für den Endverbraucher sind.

Anwälte, die hier bremsen, werden überholt. Doch wie schaffen es Kanzleien, mit diesem Fortschritt umzugehen?

Wie können sich Kanzleien auf den digitalen Wandel vorbereiten?

Um nicht vom digitalen Wandel getrieben zu werden, sondern diesen bewusst zu gestalten, sollte sich die Management-Ebene Gedanken machen, wie dieser am besten umsetzbar ist.

Eine kluge Vorbereitung und Umstellung erfordert zunächst einmal eine gewissenhafte Analyse. Was wird bereits genutzt und wo liegt der Bedarf? Hierbei ist es sicherlich ratsam, nicht Top-down zu urteilen, sondern externe und interne Ressourcen zu Rate zu ziehen. Mitarbeiter befragen und Profis von außen dazu holen ist die beste Strategie. Wer besonnen vorgeht, schaut sich nicht nur in den eigenen Reihen, sondern auch bei der Konkurrenz um. Was hat sich dort bewährt, was wurde zum Flop? Auch ein Blick in andere Länder ist sinnvoll. Gerade in den USA können best practice Beispiele zu einem Zugewinn an Wissen und Erfahrung führen. Sie müssen das Rad nicht neu erfinden, um Ihre Kanzlei auf Vordermann zu bringen.

Zu Beginn sollten dabei vor allem Prozesse ins Augenmerk genommen werden, die nicht allzu sehr in die Tiefe gehen. Bereiche, die immer gleiche, sich wiederholende Tätigkeiten beinhalten, sind am leichtesten zu automatisieren.

Sind Schwachpunkte und Potenziale ausgemacht, ist es an der Zeit, geeignete Lösungen zu finden und einzusetzen. Dabei stehen entweder bereits bestehende Ansätze zur Verfügung oder es können neue Lösungen angestoßen werden. Hilfreich ist, wie in allen Bereichen, Vernetzung. Veranstaltungen und Kongresse gibt es zur Genüge. Hier finden Sie geballte Expertise und Inspiration. Und eventuell auch gleich einen kompetenten Berater, der Sie beim digitalen Wandel unterstützen kann.

Große Kanzleien profitieren dabei sicher durch die finanziellen und personellen Ressourcen. Dafür sind kleine Unternehmen wendiger, was Entscheidungen vereinfacht. Dabei sollte beachtet werden, dass ein Übermaß an Neuerungen nicht ratsam ist. Zum einen benötigt jede Software Einarbeitungszeit, zum anderen müssen Anwendungen auch untereinander kompatibel sein. Zudem ist eine Umstellung oft kostenintensiv.

Zu guter Letzt sei ein wichtiger Aspekt erwähnt, der ebenfalls als zentrale Vorbereitung gelten kann: Fort- und Weiterbildung! Nicht nur alteingesessene Hasen, auch junge Anwälte profitieren von einer Kompetenzerweiterung im Bereich Legal Tech. Das gilt nicht nur für die Einarbeitung in neue Software. Wenn Sie in Ihrer Kanzlei Widerstände abbauen und den Blickwinkel für die Chancen von Legal Tech in Deutschland öffnen möchten, zeigen Sie Ihren Angestellten das große Ganze. Machen Sie Ihrem Team klar, dass durch den Einsatz von technischen Lösungen deren Arbeit erleichtert wird. Dass sie mehr Zeit haben werden für persönliche Kontakte und Beratung von Mandanten.

Wenn Sie Veränderungen gut vorbereiten und bedacht umsetzen, gibt es nichts zu befürchten. Sie müssen keine Risiken eingehen, die nicht absehbar sind. Aber Sie sollten auch nicht die Augen verschließen vor dem garantiert eintretenden Wandel, der Ihre Kanzlei verspeisen wird, sollten Sie sich der Veränderung wiedersetzen.

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